Viele Wege führen zur Berufspädagogik
Direktor des Instituts für Berufspädagogik an der Universität Rostock ist Prof. Dr. Franz Kaiser.

Viele Wege führen zur Berufspädagogik

Die wenigsten kennen sie. Die Uni Rostock bietet mehrere Studiengänge für das Lehramt an beruflichen Schulen.

Drei Studierende erzählen, wie sie zur Berufspädagogik und zu ihrer Fachrichtung gekommen sind. Was das Studium in Rostock von anderen unterscheidet und welche Voraussetzungen gefragt sind, erfahrt ihr im Interview.

Wer in Mecklenburg-Vorpommern auf Lehramt für berufliche Schulen studieren möchte, hat die Wahl: An der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Rostock ist der Bachelor- und Masterstudiengang für Wirtschaftspädagogik angesiedelt. Am Institut für Berufspädagogik wiederum werden angehende Lehrkräfte für berufliche Schulen in den Fachrichtungen Elektrotechnik, Informationstechnik, Agrarwissenschaften und Metalltechnik ausgebildet. In Kooperation mit der Hochschule Neubrandenburg erwerben hier Studierende außerdem ihren Master in Berufspädagogik für Gesundheits- und Sozialberufe.

Auch an den beruflichen Schulen klafft bald eine Personallücke. Wo sehen Sie die Ursachen? Die meisten jungen Menschen mit Interesse für Pädagogik wissen nicht, dass es ein Lehramtsstudium für berufliche Schulen gibt. Viele streben in die allgemein bildenden Lehrämter, auch wenn hier per Numerus Clausus ein gewisser Notendurchschnitt erforderlich ist. Für das Lehramtsstudium Berufspädagogik gibt es dagegen keine Zugangsbeschränkungen. Aus meiner Sicht ist die Lehrertätigkeit an der Berufsschule durch die Kontakte zur Arbeitswelt wesentlich abwechslungsreicher.

Sie bezeichnen das Studium auf Lehramt an Beruflichen Schulen als „Königsklasse“. Warum? Zu den Studienvoraussetzungen gehören idealerweise Abitur und Berufsausbildung. Mit Bachelor- und Masterstudium sowie anschließendem 1 1/2-jährigem Referendariat entspricht allein der Karrierezeitraum dem eines Mediziners mit Facharztqualifikation. Nur das Image ist ein komplett anderes – völlig zu Unrecht. Berufsschullehrkräfte sichern unsere wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, weil sie berufliche Fachkräfte ausbilden. Sie unterrichten in verschiedenen Schulformen – von der Ausbildungsvorbereitung bis ins berufliche Gymnasium und sind obendrein Spezialisten auf ihrem Gebiet. Prozesse und Technik in den Betrieben entwickeln sich permanent weiter, sodass die Dynamik des Unterrichtsstoffes sehr hoch ist. Dies erfordert ständig Anpassungen bei Ausbildungsordnungen und Lehrplänen. Da gibt es immer Neues und man schläft nicht ein im Job.

Wer Berufspädagogik studieren will, benötigt zwingend beides: Abitur und Ausbildung? Das wäre am besten, ist aber nicht immer der Fall. Die Ausbildungswege unserer Studierenden sind sehr unterschiedlich. Ohne Abitur kommen sie durch eine Hochschulzugangsprüfung zu uns. Wer Abitur hat, aber keine Berufsausbildung mitbringt, holt die Erfahrung durch Betriebspraktika von mindestens 12 Monaten nach. Viel wichtiger ist, dass die Studenten Lust auf Bandbreite haben. Wir brauchen Lehrkräfte, die motivieren können und keine Angst vor Autoritätsverlust haben. Deshalb ermutigen wir die Studierenden, Stellung zu beziehen, gesellschaftliche Werte zu vermitteln und zugleich nahbar zu sein.

Sie gehen in der Berufspädagogik ungewohnte Wege, plädieren für freie und kritische Gestaltungsfähigkeit. Was bedeutet das konkret? Früher hieß es „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“. Heute wollen die Unternehmen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die mitdenken, und auch die Gesellschaft braucht soziale Mitglieder. Wenn wir die Auszubildenden zu mehr Selbstständigkeit und eigenem Denken anregen wollen, bedarf es einer anderen Pädagogik. Wir beschäftigen uns daher z. B. mit den Fragen: Was macht Unterricht auf Augenhöhe aus? Wie erfolgt aktivierender, gesunder Unterricht? Die Studierenden werden angeregt, ihre Rolle und Aufgaben auch in Hinblick auf die Beziehungen zu den Ausbildungsbetrieben der Schülerinnen und Schüler zu hinterfragen. Darum arbeiten wir mit erlebnisorientierten Methoden, bauen Skulpturen aus unseren Körpern oder erproben technische Lösungen miteinander. Erst was wir selbst erfahren haben, können wir auch künftig umsetzen. Das ist die Stärke der beruflichen Bildung.

Das Institut ist an dem von der EU geförderten ERASMUS-Programm „Strategische Partnerschaften in der Berufsbildung“ beteiligt. Was ist das Ziel? Gemeinsam analysieren wir die Herausforderungen der Berufsschullehrkräfte in den Partnerländern Finnland, Schweden, Norwegen, Spanien und der Schweiz und tauschen uns über ‚Good practice‘-Beispiele aus. Es ist ja kein Geheimnis, dass insbesondere die skandinavischen Länder bei der Digitalisierung weiter sind als wir. Die Schweden haben z. B. eine App für Betriebsvideos entwickelt, mit der Aufgaben und Werkstücke in der praktischen Ausbildung dokumentiert werden.

Drei Wege an das Institut für Berufspädagogik an der Universität Rostock

Studium ohne Abitur – geht das?

Yvonne Meißner: Ich hatte schon immer eine Vorliebe für Naturwissenschaften, weniger für Mathe. Nach meinem Mittlere-Reife- Abschluss fing ich eine Ausbildung bei der Deutschen Gesellschaft für zerstörungsfreie Werkstoffprüfung in meiner Heimatstadt Berlin an. Das war wahnsinnig interessant. Ich habe in ganz Deutschland Betriebe kennengelernt und konnte nebenbei viele Lehrgänge besuchen. Als ausgelernte Werkstoffprüferin in Metalltechnik hatte ich drei Jobangebote und die Qual der Wahl zwischen dem Germanischen Lloyd und dem TÜV Nord in Hamburg sowie der MQ Engineering GmbH in Rostock, einem Büro für Materialprüfung. Ich habe mich für Rostock und die Ostsee entschieden. Mich hat die Nähe zum Meer gereizt, da ich gerade mit dem Kiten angefangen hatte. Danach wechselte ich zur Schweißtechnischen Lehr- und Versuchsanstalt Mecklenburg-Vorpommern GmbH (SLV).

Yvonne Meißner Yvonne Meißner
Bachelor Berufspädagogik -
Metalltechnik / Sportwissenschaften
Berufsausbildung / Fachhochschulreife / Hochschulzugangsprüfung
Junge Leute brauchen jemanden, der an sie glaubt und sie motiviert.

Meine Abteilungsleiterin hat mich bestärkt, statt einer Weiterqualifizierung gleich zu studieren. Das habe ich mir erst nicht zugetraut, weil ich ja kein Abitur habe. Nach einem Jahr an der Beruflichen Schule Technik in Marienehe habe ich die Fachhochschulreife erworben. Morgens Schule, ab Mittag wieder auf Arbeit. Der Abschluss war dann gar nicht so schlecht. Da es mit einer Hochschulzugangsprüfung auch ohne Abi an der Uni Rostock die Möglichkeit zum Studium gibt, habe ich mich für Berufspädagogik entschieden. Die Zulassungstests hatten es wirklich in sich. Um mich vorzubereiten, habe ich Probeaufsätze geschrieben und sie an meine ehemalige Deutschlehrerin geschickt. Ich hatte Sport-Leistungskurs an der Schule und mache schon sehr lange Judo, deswegen habe ich als allgemein bildendes Fach Sport gewählt.

Ich musste mich durch Mathe durcharbeiten. Das Fach gibt einem aber wie kein anderes Struktur. Das hat doch auch was Gutes.
Wie man einen Motor zerlegt Wie man einen Motor zerlegt, lernen die Studierenden bei der Fakultät Maschinenbau und Schiffstechnik der Uni Rostock als allererstes.

Da ist die Eignungsprüfung sowieso für alle Pflicht. Mit der Zulassung hat es geklappt. Anschließend ging es natürlich richtig los. Ohne Abi fehlen vor allem in Mathe doch ein paar Grundlagen, man braucht schon Ehrgeiz, um alles zu schaffen. Für die technischen Fächer sind wir u. a. an der Fakultät für Maschinenbau und Schiffstechnik der Uni Rostock. Sport haben wir direkt am Institut für Sportwissenschaften der Uni und die theoretischen Grundlagen, die wir für den Lehrerberuf brauchen, am Institut für Berufspädagogik, das ja ebenfalls zur Uni Rostock gehört. Im 2. Semester konnte ich als Werkstudentin an einem coolen Projekt am Lehrstuhl für Werkstoffkunde mitarbeiten, wo es um Metallbearbeitung im Mikrometerbereich ging. Jetzt bin ich kurz vor der Bachelorarbeit, habe eine Menge gelernt und bin unheimlich glücklich, dass ich diesen Weg gewählt habe.

Für die Lehrtätigkeit an beruflichen Schulen für kaufmännische und verwaltende Berufe bietet der Lehrstuhl für Wirtschafts- und Gründungspädagogik von Prof. Dr. Andreas Diettrich einen Studiengang an.
www.uni-rostock.de

Blockpraktikum als Ausgleich

Hannah Frind: Bei mir in der Familie kommen fast alle aus dem Bereich Betriebswirtschaftslehre, also habe ich eine ähnliche Richtung gewählt und zunächst Wirtschaftsingenieurwesen studiert. Das hat mich aber gar nicht gepackt. Zu viel Mathe und zu viel Physik. Also ließ ich mich auf Wirtschaftswissenschaften umschreiben, musste aber feststellen: Das läuft komplett in die falsche Richtung. Ich bin dann in mich gegangen und habe mir die Frage gestellt: „Wo liegen eigentlich meine Interessen und meine Stärken?“ Nach dem Abitur habe ich das gar nicht so reflektiert.

Hannah Frind Hannah Frind
Master Berufspädagogik - Agrarwissenschaften / Englisch Abitur, 12 Monate Betriebspraktikum
Das Studium ist sehr praxisbezogen. Wir lernen im Agrarstudium, wie Landwirtschaft im wirklichen Leben funktioniert.

Ich bin im ländlichen Umfeld südlich von Rostock aufgewachsen. Meine Großeltern hatten einen großen Garten und brachten mir die Liebe zur Natur und Pflanzen nahe. Das hat mich geprägt. Ich bin daher darauf gekommen, Berufspädagogik in der Fachrichtung Agrarwissenschaften zu studieren. In dem Bereich sind die Ausbildungsberufe breit gefächert und reichen vom Gärtner über Forst-, Pferde- bis zum Landwirt. Ich habe mich entschieden, das Studium ohne Berufsausbildung zu beginnen. Das ist grundsätzlich möglich, man muss dafür 12 Monate Betriebspraktikum nachweisen. Das Studium dauert entsprechend länger. Es gibt da unterschiedliche Konzepte, z. B. die Praktika in der vorlesungsfreien Zeit zu absolvieren. Ich mache das lieber in zwei Blöcken. Den ersten habe ich nach dem Bachelor eingelegt und sechs Monate in einer Gärtnerei gearbeitet. Nach all der Theorie fühlte es sich wunderbar an, draußen an der frischen Luft zu arbeiten.

Neuer Trend Beim neuen Trend Aqua-poning können mit dem Abwasser aus den Fischtanks ohne weitere Zusätze Tomaten, Kräuter oder Salat gezüchtet werden.

Am Institut für Berufspädagogik ist die Betreuung wirklich gut. Auch weil wir nicht so viele Studenten sind, ist der Kontakt zu den Dozentinnen und Dozenten enger. Als angehende Lehrkräfte lernen wir, uns selbst zu reflektieren und bekommen viele Ansätze für die Gestaltung von Unterricht vermittelt. Da nehme ich einiges mit und bin schon gespannt, die Methoden im Referendariat mit Schülerinnen und Schülern auszuprobieren. An der Berufsschule ist das Unterrichten ein anderer Schnack als im Gymnasium. Mir macht das aber extrem viel Spaß. Der Umgang mit jungen Erwachsenen liegt mir mehr. Die kommen alle direkt aus der Praxis, da muss man als Lehrerin fachlich schon was drauf haben. Aus diesem Grund habe ich mir vorgenommen auch noch den Traktorführerschein für die Straße zu machen.

Gerade in den Gesundheitsberufen und im sozialen Bereich wird der Bedarf an Fachkräften in den kommenden Jahren steigen. Ein Schwerpunkt des 200-Millionen-Euro-Schulpaktes ist es, mehr Lehrkräfte im Land auszubilden.

An der Hochschule Neubrandenburg werden die Studienplätze in den beiden Bachelorstudiengängen „Berufspädagogik für Gesundheitsfachberufe“ und „Berufspädagogik für Soziale Arbeit, Sozialpädagogik und Kindheitspädagogik“ deshalb auf jeweils 25 pro Jahr aufgestockt. Durch die Kooperation mit der Universität Rostock wurde zudem die Studienstruktur flexibilisiert. Nach dem berufspädagogischen Bachelorstudiengang wechseln die Absolventinnen und Absolventen in den Masterstudiengang „Berufspädagogik für Gesundheits- und Sozialberufe“ an der Universität Rostock. Vorteil: Die Studierenden können an der Uni ein allgemein bildendes Zweitfach belegen.

Vom Bachelor in Neubrandenburg zum Master in Rostock

Konstantin Kraemer: Nach dem Bachelorstudium in Neubrandenburg mache ich jetzt meinen Master in Rostock. Das ist ein gewisser Luxus dieses Studiums, weil man sich nicht extra bewerben muss und den Platz mit dem Bachelor sicher hat. Ursprünglich habe ich einmal Maschinen- und Anlagenführer in Ratzeburg gelernt, bin dann aber in den sozialen Bereich gewechselt. Mit der Ausbildung zum sozialpädagogischen Assistenten erwarb ich zugleich die für das Studium notwendige Fachhochschulreife. Davor habe ich noch die Ausbildung zum Erzieher abgeschlossen. In dem Beruf gibt es viele Fachbereiche, abgesehen von einer Leitungstätigkeit jedoch wenig Aufstiegsmöglichkeiten. In Richtung Verwaltung wollte ich mich aber nicht weiterentwickeln.

Konstantin Kraemer Konstantin Kraemer
Master Berufspädagogik für
Gesundheitsberufe / Sozialberufe
Berufsausbildung / Fachhochschulreife / Erzieher
Am Institut herrscht eine sehr demokratische Form der Unterrichtsgestaltung.

Berufspädagogik konnte ich mir gut vorstellen, da mir die Arbeit mit jungen Erwachsenen schon immer gefiel. Anfangs war es keine ganz leichte Entscheidung, aber in der Perspektive spielt auch eine Rolle, dass die Einkommenssituation für Berufsschullehrer wesentlich besser ist als für Erzieher. In meiner Fachrichtung wollte ich bleiben. Im Masterstudium können wir Studierende Inhalte aktiv mitgestalten. In den Lernprozessen gibt es viel Spielraum. Aus der Lehre der „Themenzentrierten Interaktion“ nehme ich sehr viel mit. Wie sich Kommunikation und Wertevermittlung in einer Gruppe gestalten lässt, passt sehr gut zu den sozialen Berufen. Ich freue mich, diese Methoden später als Lehrer an einer beruflichen Schule den Auszubildenden zu vermitteln.