Frau Hesse, Sie wünschen sich mehr Bewegungsangebote in der Schule. Warum sind sie Ihnen so wichtig?
Birgit Hesse: Sport hält fit und ist gesund. Das sage ich nicht nur, weil ich persönlich sehr sportlich bin, gerne laufe und reite. Wer körperlich aktiv ist, verbessert seine motorischen, kognitiven und sozialen Kompetenzen. Wer sich viel bewegt, kann sich besser konzentrieren. Ich wünsche mir, dass Kinder und Jugendliche Spaß an Bewegung haben, ohne dabei unter Leistungsdruck zu stehen. Um dies zu erreichen, muss nicht mehr Sportunterricht auf dem Stundenplan stehen. In der Schule gibt es viele andere Möglichkeiten, Bewegungsangebote in den Schulalltag zu integrieren.

Ganztagsschulen stehen für neue Lernformen.

Die Ganztagsschule soll hierbei eine wichtige Rolle einnehmen. Was ist in dieser Schulform möglich, was andere nicht können?
Ganztagsschulen stehen für neue Lernformen. Ein Beispiel: Warum muss auf eine Mathestunde am Vormittag eine Deutschstunde folgen? Möglich wäre doch auch, dass dazwischen ein Ganztagsangebot liegt, bei dem die Schülerinnen und Schüler nicht an ihren Tischen sitzen und in die Bücher oder Tablets schauen, sondern sich bewegen. Kinder und Jugendliche sind dann ausgeglichener und der Schulalltag ist abwechslungsreicher. Dies ist an gebundenen Ganztagsschulen am besten möglich, weil die Kinder und Jugendlichen bis zur selben Uhrzeit bleiben.

Freizeitangebote sind schön, gute Bildungsangebote sind wichtig. Bei den bundesweiten Bildungsstudien haben die Schülerinnen und Schüler schlechter abgeschnitten als in den Vorjahren. Wie erklären Sie sich das?
Die Leistungen von Viertklässlerinnen und Viertklässlern in MV im Fach Deutsch liegen im Bundesdurchschnitt. Das hat der IQB-Bildungstrend 2016 gezeigt. Zur Wahrheit gehört aber auch: Erstmals sind bei der Studie Schülerinnen und Schülern an Förderschulen berücksichtigt worden. Diese Kinder und Jugendlichen haben auch schon früher Schulen besucht. Sie wurden jedoch bei den Bildungsstudien außen vorgelassen. Ich will die Ergebnisse nicht kleinreden, sondern einordnen. Das Niveau an unseren Schulen ist nicht schlechter geworden. Wir haben jetzt jedoch ein realeres Bild, wie der Leistungsstand der Schülerinnen und Schüler wirklich ist, weil alle, die da sind, miteinbezogen wurden.

Was wollen Sie unternehmen, damit die Leistungen besser werden?
Schülerinnen und Schüler benötigen mehr Übungszeit, um ihre Rechtschreib­leistungen zu verbessern. Wir haben mit Beginn des Schuljahres 2017/2018 eine zusätzliche Deutschstunde für die Jahrgangsstufen 1 bzw. 2 eingeführt. Auch die Arbeit mit dem Mindestwortschatz soll dazu beitragen, dass die Grundschülerinnen und Grundschüler sicherer im Schreiben werden. Wir haben also längst etwas getan – übrigens auf Anraten unserer Lehrerinnen und Lehrer. Es zeigt, dass sie unsere besten Expertinnen und Experten sind. Wichtig ist, dass wir den guten Austausch weiterführen. Allerdings dauert es lange, bis sich im Bildungssystem Erfolge einstellen. Wir dürfen nicht zu ungeduldig sein.

Klar ist, dass sich mit weniger Schülerinnen und Schülern besser arbeiten lässt als mit einer großen Gruppe.

Der Landesschülerrat fordert geringere Klassengrößen an den Schulen. Was halten Sie von diesem Vorschlag?
Die Klassengrößen sind immer wieder ein Thema, das diskutiert wird. Klar ist, dass sich mit weniger Schülerinnen und Schülern besser arbeiten lässt als mit einer großen Gruppe. Der neuseeländische Bildungsforscher John Hattie hat aber festgestellt, dass die Reduzierung der Klassengröße keinen entscheidenden Effekt auf den Lernerfolg der Kinder und Jugendlichen hat. Folgendes bitte ich zudem zu beachten: Wenn wir die Klassengrößen auf 19 Schülerinnen und Schüler an Grundschulen und 24 Schülerinnen und Schüler an weiterführenden Schulen begrenzen, so wie es die Schülervertreter gefordert haben, dann führt das zu einem Mehrbedarf von rund 925 Stellen, also umgerechnet rund 65 Millionen Euro pro Jahr zusätzlich. Diese 925 Stellen müssten dann auch zusätzlich besetzt werden.

Der Landeselternrat geht noch einen Schritt weiter und spricht sich dafür aus, zusätzliche Lehrerstellen einzurichten, um den Unterrichtsausfall im Krankheitsfall zu verringern. Eine gute Idee?
Grundsätzlich gilt auch hier: Bevor wir weitere Stellen an den Schulen schaffen, schlage ich vor, dass wir zunächst die Stellen besetzen, die zur Verfügung stehen. Allein diese Aufgabe ist groß genug, wenn wir bedenken, wie gefragt gut ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer derzeit in Deutschland sind. Auch die Landtagsopposition fordert immer wieder, an jeder Schule Reserven für Vertretungsunterricht einzurichten. Diese Idee gab es schon einmal mit verheerenden Ergebnissen. Das Problem bei solchen Regelungen ist, dass man zwar Vertretungsbudgets gleichmäßig über alle Schulen verteilen kann, sich aber die Krankschreibungen der Lehrkräfte nicht gleichmäßig auf alle Schulen verteilen. Feste Budgets führen also dazu, dass manche Schulen völlig über- und dafür andere völlig unterversorgt sind. Wir müssen nicht alle 10 Jahre dieselben Fehler wieder machen.

Zum Schuljahr 2018/2019 soll es einen entsprechenden Rahmenplan zur Digitalisierung geben.

Ein anderes großes Thema ist die Digitalisierung. Es gibt viele Forderungen von außen, was unsere Schulen zu leisten haben. Die Erwartungshaltung ist hoch. Werden die Schulen sie erfüllen können?
Zunächst wünsche ich mir, dass diejenigen, die lautstark die Digitalisierung an den Schulen fordern, konkret benennen, was genau sie darunter verstehen. Das wird oft gar nicht deutlich. In der Kultusministerkonferenz haben sich die Länder folgendes Ziel gesetzt: Jedes Kind, das im Sommer 2018 in die Schule kommt, soll in seiner Schul­laufbahn eine umfassende Medienbildung erhalten. So ist es in der Strategie „Bildung in der digitalen Welt“ festgelegt. Diese Strategie setzen wir um. Zum Schuljahr 2018/2019 soll es einen entsprechenden Rahmenplan zur Digitalisierung geben. Im Kern geht es darum, Schülerinnen und Schülern digitale Kompetenzen zu vermitteln. Das heißt, sie sollen nicht nur digitale Medien bedienen können, sondern auch wissen, wie sie funktionieren. Wir werden deshalb alle Rahmenpläne der allgemein bildenden Schulen Stück für Stück überarbeiten. In diesem Zuge werden diese Kompetenzen in die einzelnen Fachpläne integriert.

Was haben Sie in Sachen Digitalisierung an den Schulen außerdem vor?
An den weiterführenden Schulen wollen wir das Fach „Informatik und Medienbildung” landesweit einführen. Schon heute steht es an 21 Modellschulen auf dem Stundenplan. Wir bauen unser digitales Unterrichtshilfenportal für Lehrkräfte aus. Unseren Lehrerinnen und Lehrern wollen wir verstärkt Fortbildungsangebote machen. Außerdem setze ich auf den Digitalpakt des Bundes. Die Bundesregierung hat insgesamt fünf Milliarden Euro für die digitale Bildung in Deutschland in Aussicht gestellt. Der Digitalpakt ist für Mecklenburg-Vorpommern eine Riesenchance. Er kann den Schulen bei der Ausstattung einen großen Modernisierungsschub verleihen.

Frau Hesse, vielen Dank für das Gespräch!