Hochbegabte Kinder und Jugendliche treffsicher zu erkennen ist gar nicht so einfach.

Herr Prof. Perleth, wie erkennen Eltern und Lehrer, dass Kinder und Jugendliche hochbegabt sind?
Prof. Perleth: Hochbegabte Kinder und Jugendliche treffsicher zu erkennen ist gar nicht so einfach – jedenfalls wenn man mit „hochbegabt“ meint, dass die Kinder und Jugendlichen ein besonderes Potenzial für hohe oder vielleicht sogar ungewöhnlich hohe Leistungen besitzen. Leichter ist es für Eltern und Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler zu erkennen, die besondere Leistungen bringen. Dabei sollten besonders auch Lehrkräfte nicht nur auf Leistungen in den Schulfächern achten, die sich etwa in Zensuren niederschlagen, sondern auch auf gute und außergewöhnliche Leistungen außerhalb des schulischen Fächerkanons. Schülerinnen und Schüler, die beispielsweise ein Drehbuch schreiben und mit ihren Klassenkameradinnen und Klassenkameraden einen Film drehen, könnten über ein besonderes Potenzial verfügen. In all diesen Fällen, in denen Kinder und Jugendliche besonderes Engagement und Leistungen zeigen, muss aber nicht unbedingt gleich eine Hochbegabung vorliegen. Ein Problem stellen Kinder und Jugendliche dar, die zwar über ein ungewöhnliches Potenzial für außergewöhnliche Leistungen verfügen, die ihr Potenzial aber bisher nicht umsetzen. Lehrkräfte und Eltern können darauf achten, ob Kinder und Jugendliche über besondere kognitive Fähigkeiten verfügen oder in der Schule etwa auch eine richtige Antwort geben können, obwohl sie scheinbar „geschlafen“ haben.

Woran macht sich eine kognitive Hochbegabung fest?
Hinweise auf gut ausgeprägte kognitive Fähigkeiten oder gar eine kognitive Hochbegabung liefern beispielsweise Beobachtungen, dass die betreffenden Kinder oder Jugendlichen sehr schnell und vielleicht schneller als alle anderen ein Problem oder eine Aufgabenstellung erfassen können, dass sie über eine besonders gute Merkfähigkeit verfügen oder sich sprachlich deutlich besser ausdrücken können als ihre Altersgenossen. All diese Merkmale stellen Hinweise auf eine Hochbegabung dar.

Was können Eltern unternehmen, um die Begabung ihres Kindes optimal zu fördern?
Zunächst einmal möchte ich Eltern die Befürchtung nehmen, dass ein Kind mit besonderen Begabungen rund um die Uhr gefördert und von Termin zu Termin gefahren werden müsse und die Eltern ihre eigenen Bedürfnisse völlig zurückstellen müssten. Vielfach entwickeln potenziell leistungsfähige Schülerinnen und Schüler selbst Interessen und Aktivitäten. Eltern sollten diese Aktivitäten nicht abblocken, sondern den betreffenden Kindern entsprechende Freiräume gewähren. Vielleicht könnte man in diesem Zusammenhang auch daran erinnern, dass die Entwicklung der sprachlichen Begabung bei Kindern durch einfaches Vorlesen von Geschichten, vielleicht beim Zubettgehen, nachweislich bestens gefördert wird.

Ist Begabtenförderung eine Frage des Geldbeutels?
In Studien findet man zwar Zusammenhänge zwischen dem Einkommen von Eltern und den Schulleistungen ihrer Kinder, allerdings ist Begabtenförderung nach meiner Auffassung keine Frage des Geldbeutels. Den Kindern vorlesen kostet ja nichts und das Buch dazu können sich Eltern in der Schule oder in einer öffentlichen Bibliothek sicher leicht ausleihen. Die meisten Eltern könnten mit ihren Kindern mit dem Fahrrad oder zu Fuß in einen Park oder in die Natur fahren und ihnen dort viele Dinge erklären oder Naturphänomene zusammen mit ihren Kindern entdecken. Hier könnte man Eltern vielleicht systematischer anregen, die vielen tollen Möglichkeiten der Begabungsförderung zu nutzen, die für jeden verfügbar sind und die auch nichts kosten.

Es ist nicht notwendig, bei jedem Kind mittels psychologischer Diagnostik die Begabung genau festzustellen.

Sollte jede Begabung diagnostisch festgestellt werden?
Es ist nicht notwendig, bei jedem Kind mittels psychologischer Diagnostik die Begabung genau festzustellen. Meist genügt es, wenn man die Interessenschwerpunkte des Kindes kennt und weiß, womit es sich gerne beschäftigt. Psychologische Diagnostik ist dann hilfreich, wenn spezielle Fragestellungen aufkommen. Dies könnte beispielsweise die Frage sein, ob ein Kind frühzeitig eingeschult werden, ob ein Kind oder Jugendlicher eine Klasse mit einem besonderen Profil besuchen sollte oder ob vielleicht eine Unterforderung eine Ursache für Störverhalten im Unterricht sein könnte.

Warum brauchen begabte und hochbegabte Kinder und Jugendliche eine besondere Förderung?
Nicht nur leistungsstarke und potenziell leistungsfähige bzw. begabte und hochbegabte Kinder und Jugendliche benötigen eine spezielle Förderung, sondern alle Schülerinnen und Schüler. Obwohl die Veränderungen, die die Inklusionsdebatte angestoßen hat, eigentlich allen Schülerinnen und Schülern hätte zugutekommen müssen, weil ja alle entsprechend ihren Potenzialen gefördert werden müssten, hat man sich in den vergangenen Jahren stärker auf Kinder und Jugendliche im unteren Leistungsbereich konzentriert. Gleichzeitig zeigen aber internationale Vergleichsstudien, wie etwa die Pisa-Studie, dass leistungsstarke und potenziell leistungsfähige Schülerinnen und Schüler auch wieder stärker in den Blick genommen werden müssen.

Acht Schulen in Mecklenburg- Vorpommern beteiligen sich an der Bund-Länder-Initiative „Leistung macht Schule“. Was genau steht bei der wissenschaftlichen Begleitung im Fokus?
Das Charakteristische unseres Forschungsverbundes ist, dass die vielen Kollegen und ich nicht in die Schulen und Klassen gehen und gewissermaßen mit dem Klemmbrett in der Hand Daten erheben und hinterher auswerten, sondern dass wir zum einen neue Unterrichtskonzepte entwickeln wollen und zum anderen die Schulen unterstützen, eine begabungs- und leistungsfreundliche Schulkultur zu entwickeln. Der wissenschaftliche Teil unserer Forschung richtet sich auf die Frage, unter welchen Bedingungen die Entwicklung einer solchen begabungsfreundlichen Lernkultur an den teilnehmenden Schulen besonders gut gelingt. Die zweite Phase der Förderinitiative ab 2023 dient dann dazu, die Erkenntnisse über die 300 an der Initiative teilnehmenden Schulen hinaus vielen weiteren Schulen zugänglich und damit fruchtbar zu machen.

Was können Schulen unternehmen, um leistungsstarke Kinder und Jugendliche bestmöglich zu fördern?
Das Wichtigste ist vielleicht, dass die Lehrkräfte hochbegabten Schülerinnen und Schülern zunächst einmal die Freiräume ermöglichen, die sie zur Entwicklung ihrer Interessen und Fähigkeiten brauchen. Zusätzlich wäre sehr viel erreicht, wenn die Schulen ihre Möglichkeiten ausschöpfen und den betreffenden Schülerinnen und Schülern zum Beispiel die Nutzung von Labors oder Materialien ermöglichen. Und wenn sie auch noch Kontakte mit Experten an der Schule, in der Gemeinde oder unter der Elternschaft vermittelten, wäre das toll.

Welche Tipps geben Sie Lehrerinnen und Lehrern für den Umgang mit hochbegabten Schülerinnen und Schülern?
Im Schulalltag wäre es schön, wenn die Lehrkräfte sich über ungewöhnliche oder ungewöhnlich kluge Beiträge hochbegabter Kinder und Jugendlicher zum Unterricht freuen und diese nicht als Störung ihres Unterrichts missverstehen würden. Ohne viel Aufwand könnte man auch viel erreichen, wenn leistungsstarke und begabte Schülerinnen und Schüler nicht gezwungen würden, die x-te Wiederholungsstunde zu einem Thema mitzumachen, sondern in dieser Zeit eigenen Projekten nachgehen könnten.

Prof. Perleth, vielen Dank für das Gespräch!