Frau Prof. Martens, können Sie einen Tag lang ohne Smartphone, Tablet oder Computer auskommen?
Alke Martens: Aber sicher! Allerdings muss ich zugeben, dass mein Smartphone meine „digitale Hundeleine“ zu meinen Kindern ist. Nicht erreichbar zu sein fällt mir sehr leicht, wenn alle meine Lieben bei mir sind. Dann stelle ich diesen Zustand oft auch durch Abschalten der Geräte her.

Was machen Sie dann?
Ich genieße die Familie und die Natur – beispielsweise am Strand in Warnemünde oder im Wald. Da braucht man überhaupt keine digitalen Endgeräte. Im Gegenteil: Sie stören da meistens.

In Mecklenburg- Vorpommern haben wir den enormen Vorteil, dass wir eine schon lange Tradition der informatischen Bildung in der Schule haben.

Alle reden davon, wie wichtig die Digitalisierung in der Schule ist. Was verstehen Sie darunter?
Meiner Meinung nach ist Digitalisierung in erster Linie ein gesellschaftlicher Prozess und nicht das Einführen von digitalen Endgeräten in einen schulischen oder gesellschaftlichen Alltag. Im gesellschaftlichen Prozess geht es um zentrale Fragen der Kommunikation, der Partizipation und – ganz wesentlich und sehr kritisch – des Umgangs mit Information in einem weiten Sinne, also: Information erstellen, Information aufnehmen und vor allem, Information bewerten. An den Schulen gerät die Digitalisierung oft zur Geräteschlacht – aus meiner Perspektive geht es aber nicht primär um Geräte, sondern um Formen des Unterrichtens im digitalen Zeitalter. Hier ergeben sich wichtige Fragestellungen, die im didaktischen und pädagogischen Bereich schon seit sehr vielen Jahren diskutiert werden – und nicht erst seitdem Kinder Smartphones mit in die Schule nehmen.

Sind die Schulen in Mecklenburg-Vorpommern vom digitalen Zeitalter noch meilenweit entfernt?
Sie sind genauso mittendrin im digitalen Zeitalter, wie alle anderen Schulen in Deutschland. Es wäre ja seltsam, wenn eine Schule sich in einem anderen Zeitalter bewegt als die restliche Gesellschaft. Die Frage ist eher, was das digitale Zeitalter aus der Perspektive Schule ausmacht. Wir haben in Mecklenburg-Vorpommern den enormen Vorteil, dass wir eine schon lange Tradition der informatischen Bildung in der Schule haben. Mit der Einführung des Schulfachs „Informatik und Medienbildung“ für alle Schülerinnen und Schüler ab Klasse 5 schaffen wir eine wichtige Voraussetzung für die Ausbildung mündiger Bürgerinnen und Bürger in der digitalen Welt. Da sind wir viel weiter als fast alle anderen Bundesländer. Nur Sachsen verfügt bereits über ein festes Schulfach Informatik ab Klassenstufe 5 in allen Schulformen. Informatik ist die Bezugswissenschaft der Digitalisierung. Guter Informatikunterricht thematisiert den Umgang mit Informationen auf digitalen Systemen und versetzt Schülerinnen und Schüler in die Lage, die digitale Welt fundiert und kritisch zu reflektieren und selbst zu gestalten. Dies kann kein anderes Schulfach leisten.

Was sollte Kindern der nächsten Generation mit Blick auf digitale Medien in der Schule vermittelt werden?
Es gibt zwei Botschaften bezüglich digitaler Medien. Erstens: Liebe Schülerinnen und Schüler, seid kritisch im Umgang mit Informationen. Geht davon aus, dass hinter jeder Nachricht, jedem Text, jedem Video ein Mensch steckt, der mit dieser Nachricht, diesem Text, diesem Video etwas erreichen möchte. Was möchte dieser Mensch von euch? Wollt ihr das auch? Und zweitens: Liebe Schülerinnen und Schüler, das echte Leben spielt nicht auf dem digitalen Endgerät. Ausschalten und riechen, schmecken, fühlen, hören, tasten und natürlich auch schauen. Denken funktioniert nicht digital, fühlen auch nicht.

Wie wichtig sind dann digitale Medien?
Medien sind zwar der sichtbarste, aber nicht der entscheidende Aspekt der digitalen Welt. Die größten technischen, gesellschaftlichen und ethischen Herausforderungen der Digitalisierung beruhen auf Konzepten der Informatik. „Cyber Security“, „Künstliche Intelligenz“ oder „Big Data“ haben massive Auswirkungen auf militärische, politische und ökonomische Prozesse und bestimmen unser alltägliches Leben. Das sind nicht mehr nur digitale Medien! Darum habe ich noch eine dritte Botschaft an Erwachsene und Kinder: Bleibt euer Leben lang interessiert, damit ihr die Dinge selbst verstehen und gestalten könnt. Bleibt wachsam und kritisch.

Wie weit darf Digitalisierung in der Schule überhaupt gehen?
Grundsätzlich kann eine Schule digitale Endgeräte, die in vielen Bereichen zum gesellschaftlichen Alltag gehören, nicht ignorieren. Die Frage ist eher: Wie kann man digitale Endgeräte und die jeweils verfügbaren Programme oder Apps zielgerichtet und nutzbringend einsetzen? Lesen, Schreiben und Rechnen sind Kulturtechniken und sind kognitiv wichtig – ohne digitales Endgerät. Kollaboratives Schreiben könnte aber durchaus im Netz geübt werden. Zentral ist dabei jedoch der Diskurs zwischen den Schülerinnen und Schülern und nicht die Software oder die Hardware – grundsätzlich ginge das ja auch auf Papier. Das Einsetzen von digitalen Endgeräten, nur damit man sich „modern“ oder „digital“ nennen kann, finde ich überflüssig.

Vor welchen Herausforderungen stehen die Schulen?
Es ist für die Lehrenden an Schulen sehr schwierig, sich gegen undifferenzierte und überzogene Erwartungshaltungen von außen zu wehren. Nicht umsonst spricht man von einem Prozess der Digitalisierung. Dieser Prozess braucht Zeit und Kommunikation, kritische und reflektierte Diskurse über Schulen und Schulformen hinweg. Lehrende müssen dies parallel zu ihrer Unterrichtszeit bewältigen, was in einer Zeit des Lehrermangels und weiterer aktueller Aufgaben wie der Inklusion eine enorme Aufgabe ist. Lehrende müssen auch differenzieren, was eine Qualitätssteigerung oder zumindest keine Qualitätsverschlechterung des Unterrichts durch den Einsatz einer Software ist. Das ist sehr schwierig abzuschätzen! De facto gibt es derzeit sehr wenige Softwarepakete, die den Unterricht wirklich bereichern.

Was raten Sie Lehrerinnen und Lehrern, die dem Einsatz von digitalen Medien skeptisch gegenüberstehen?
Treten Sie in den Dialog – denn auch die skeptische Haltung ist wichtig.

Kinder müssen erst lernen, dass Influencer professionelle Werbeträger sind und nicht Kumpels, die nette Filmchen machen.

Was können Eltern dazu beitragen, damit ihre Kinder lernen, mit Smartphone & Co. richtig umzugehen?
Eltern können selbst den Umgang mit dem digitalen Endgerät reflektieren und überlegen, warum sie wann erreichbar sein müssen und wie sie im Endgerät kommunizieren. Oft nutzen Eltern die verschiedenen Endgeräte ebenso wenig reflektiert wie die Kinder. Interessant ist auch, dass viele Eltern den Nachrichtenverkehr ihrer minderjährigen Kinder als Privatsphäre betrachten und meinen, sich dort nicht einmischen zu können. Kinder müssen aber lernen, auch per Kurznachricht respektvoll zu kommunizieren. Dazu muss es einen Dialog zwischen Eltern und Kindern geben – über Kommunikation und über den Umgang mit Information. Kinder müssen erst lernen, dass Influencer professionelle Werbeträger sind und nicht Kumpels, die nette Filmchen machen. Und Kinder müssen lernen, dass man sich nicht alles anschauen will, selbst wenn man es kann.

Frau Prof. Martens, vielen Dank für das Gespräch!