Sie haben für den neuen Doppelhaushalt 2020/2021 zusätzliche Mittel in Millionenhöhe verhandelt. Wofür soll das Geld verwendet werden?
Bettina Martin: Mit dem 200-Millionen-Euro-Schulpaket für die nächsten vier Jahre wollen wir vor allem in Lehrkräfte und in guten Unterricht investieren. Zu den wichtigsten Punkten gehört die bessere Bezahlung von Grundschullehrerinnen und -lehrern. Grundschullehrkräfte sollen vom Schuljahr 2020/2021 an die A13/E13 erhalten und damit so viel verdienen wie ihre Kolleginnen und Kollegen an anderen Schularten. Denn sie legen die so wichtigen Grundlagen für eine gute Bildungsbiographie bei den Kindern. Schulleitungen an Grundschulen sollen ebenfalls mehr Geld erhalten. Darüber hinaus sind Mittel für die Unterstützung von Schulen vorgesehen, in denen stark verhaltensauffällige Kinder den Unterricht erschweren. Außerdem wollen wir zusätzliche Möglichkeiten für Schulen schaffen, die sich bei der Umsetzung der Inklusion auf den Weg machen.

Die beste Ausstattung in den Schulen nützt nichts, wenn keine Lehrerinnen und Lehrer vor der Klasse stehen. Wie wollen Sie den Lehrermangel beheben?
Wir haben in der Tat einen großen Ersatzbedarf, weil in Mecklenburg-Vorpommern viele Lehrkräfte in den Ruhestand gehen. Im Schuljahr 2019/2020 sind das rund 700 Stellen, die nachbesetzt werden müssen. Erschwerend kommt hinzu, dass es bundesweit viele freie Stellen für Lehrerinnen und Lehrer gibt. Diese Situation stellt uns vor enorme Herausforderungen. Wichtig ist daher, dass es mehr Lehramtsstudierende bis zum Abschluss schaffen und auch nach Abschluss ihres Studiums in unseren Schulen in MV ihre Arbeit aufnehmen.

Der Kompaktkurs findet jetzt in den Sommerferien statt, damit die Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteiger nach den Ferien gut vorbereitet vor den Klassen stehen.

Wie wollen Sie erreichen, dass mehr Lehramtsabsolventen ihr Referendariat beginnen und anschließend dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen?
Die Studie von Prof. Falk Radisch hat den Verantwortlichen an den Hochschulen die Augen geöffnet. Mecklenburg-Vorpommern ist das erste Bundesland, das die Abschlussquoten in den Lehramtsstudiengängen wissenschaftlich untersucht hat. Die hohe Schwundquote ist fatal. Ein Expertengremium hat Vorschläge für Verbesserungen im Lehramtsstudium gemacht. Hier wollen wir ansetzen. Wir stellen in einem ersten Schritt noch in diesem Jahr 1,1 Millionen Euro bereit, damit erste Maßnahmen umgesetzt werden können. Veränderungen soll es bereits zum Wintersemester 2019/2020 geben. Mit dem 200-Millionen-Euro-Schulpaket wollen wir die Lehrerbildung an unseren Hochschulen nachhaltig verbessern.

Welche Maßnahmen enthält das Sofortprogramm?
Im Kern geht es um drei Punkte: Erstens müssen wir erreichen, dass nur diejenigen ein Lehramtsstudium aufnehmen, die später auch in diesem Beruf arbeiten wollen. Zweitens soll die Vermittlung von Fachwissen einen deutlich stärkeren Bezug zum Unterricht haben. Praktika an Schulen sollen besser in das Studium integriert werden. Wir wollen jährlich bis zu 200.000 Euro zur Verfügung stellen, um Studierende zu unterstützen, die ihre Praktika außerhalb der Universitätsstädte absolvieren und Fahrtkosten begleichen müssen. Drittens wollen die Universitäten darüber nachdenken, die Zahl der Prüfungen im Lehramtsstudium zu verringern, um die Prüfungslast zu reduzieren.

Können Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteiger eine Lösung sein, um freie Stellen zu besetzen?
Ohne Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteiger wird es in der derzeitigen Situation nicht gehen. Wir müssen sie allerdings besser begleiten, um ihnen das pädagogische Rüstzeug zu vermitteln. Der Kompaktkurs zur Qualifizierung findet jetzt in den Sommerferien statt, damit die Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteiger nach den Ferien gut vorbereitet vor den Klassen stehen.

Frau Martin, aus dem DigitalPakt fließen außerdem noch 100 Millionen Euro zusätzlich in die Schulen in Mecklenburg- Vorpommern. Das ist viel Geld. Wofür sollen diese Fördermittel verwendet werden?
Schulen haben die Aufgabe, Kindern und Jugendlichen die Fähigkeiten zu vermitteln, sich in einer zunehmend digitalisierten Welt zurechtzufinden und sich selbstbestimmt in ihr zu bewegen. Schülerinnen und Schüler brauchen deswegen in der Schule eine moderne Lernumgebung. Mit dem DigitalPakt wollen wir die Schulträger finanziell unterstützen, um sich dafür ausrüsten zu können. Es sollen beispielsweise interaktive Tafeln angeschafft werden und WLAN-Router, um die digitale Vernetzung in Schulgebäuden und auf dem Schulgelände zu verbessern. Es geht nicht darum, jede Schülerin oder jeden Schüler mit einem Tablet oder Laptop auszustatten. Der DigitalPakt ist ein Infrastrukturprogramm und keine Endgeräteförderung.

Investitionen in die technische Ausstattung sollen erfolgen, wenn eine Schule an schnelles Internet angeschlossen ist.

Wann soll das Geld an die Schulen fließen?
Ich gehe davon aus, dass wir zu Beginn des neuen Schuljahres erste Fördermittelbescheide übergeben können. Schulen und Schulträger müssen dafür aber etwas tun. Schulen müssen Medienbildungskonzepte erarbeiten, die Teil des Schulprogramms sind. Schulträger erstellen Medienentwicklungspläne. Investitionen in die technische Ausstattung sollen erfolgen, wenn eine Schule an schnelles Internet angeschlossen ist. Alles andere würde auch keinen Sinn ergeben. Es nützt nichts, eine Schule technisch aufzurüsten, wenn die Internetverbindung nicht leistungsfähig ist.

Kritikerinnen und Kritiker sagen, Schultoiletten und marode Schulgebäude zu sanieren, sei wichtiger. Was sagen Sie denen?
Beides ist wichtig. Schülerinnen und Schüler benötigen moderne Lernbedingungen, wenn wir sie in der Schule bestmöglich auf ihr späteres Leben vorbereiten wollen. Ich finde es allerdings auch wichtig, dass sich Kinder und Jugendliche in der Schule wohlfühlen. Schule ist nicht nur ein Lernort, sondern auch ein Lebensort. Schülerinnen und Schüler verbringen dort viel Zeit. Im neuen Doppelhaushalt des Landes sind deswegen zusätzliche Mittel für den Schulbau eingeplant, damit wir auch hier vorankommen.

Frau Martin, vielen Dank für das Gespräch!