klasse!: Frau Martin, das Schuljahr 2020/2021 ist anders verlaufen, als wir uns alle gewünscht haben. Viele Schülerinnen und Schüler hatten weniger Präsenzunterricht in der Schule als vorgesehen. Wie soll der versäumte Unterrichtsstoff aufgeholt werden? Bettina Martin: Da gibt es nicht nur die eine Stellschraube. Wir werden ein ganzes Maßnahmenpaket auf den Weg bringen. Es geht um individuelle Lernförderung, die wir mit einem Lernförderprogramm in den letzten Wochen dieses Schuljahrs, über die Ferien hinweg bis weit ins nächste Schuljahr ermöglichen wollen – durch Lehramtsstudierende, die in den Schulen zusätzlich unterstützen können, durch ergänzende Fördermöglichkeiten für Schülerinnen und Schüler bei privaten Bildungsanbietern und durch ein extra Budget, das die Schulen für Unterstützungshilfen von außen einsetzen können. Das ist gerade für die Kleinsten immens wichtig, bei denen Lesen, Schreiben und Rechnen gefestigt werden müssen. Wichtig ist mir aber auch zu sagen, dass niemand Angst haben muss, dass das kommende Schuljahr so startet, als hätte es die Pandemie nie gegeben. Wir werden uns weit über die kommenden Monate hinaus Zeit nehmen müssen, um die entstandenen Defizite auszugleichen und allen Kindern einen guten Anschluss zu ermöglichen.

Wie soll das neue Schuljahr starten? Die ersten vier Wochen im neuen Schuljahr wollen wir zu so genannten Anschlusswochen machen. Da sollen die Lehrkräfte den Schülerinnen und Schülern nach der langen Zeit erst einmal wieder helfen, in den Schulalltag zurückzufinden. Wissen soll gefestigt und erste Lücken sollen geschlossen werden. Dafür soll es auch weiter Lernstandserhebungen geben, die ja auch schon im laufenden Schuljahr stattfinden. Aber wir dürfen alle nicht vergessen: Die Schülerinnen und Schüler haben in diesem ungewöhnlichen Schuljahr Hervorragendes geleistet und unter Beweis gestellt, was Schülergenerationen vor ihnen nicht in dieser Weise tun mussten. Nämlich selbstständiges Lernen, sich selbst zu organisieren und jeden Tag zu motivieren. Und auch beim digitalen Lernen haben sie neue Wege beschreiten müssen. Das sind Kompetenzen, die ihnen niemand nehmen kann. Allen Lehrkräften, die sie dabei unterstützt haben, gilt mein aufrichtiger Dank.

Im Schuljahr 2020/2021 hat es Hinweise zu prüfungsrelevanten Themen gegeben. Ist das im kommenden Schuljahr wieder geplant? Ja. Schülerinnen und Schüler, die noch länger die Schulen besuchen, können in den folgenden Jahren Schritt für Schritt ausgleichen, was vielleicht zu kurz gekommen ist. Wer unmittelbar vor dem Schulabschluss steht, hat nicht mehr so viel Zeit. Deshalb werden wir auch im Schuljahr 2021/2022 schnell und präzise Vorabhinweise geben, die die Prüfungsgebiete näher eingrenzen. Schülerinnen und Schüler können dann von ihren Lehrkräften gezielter auf die Prüfungen vorbereitet werden. Das heißt also keine Absenkung des Niveaus, sondern gezielte Vorbereitung auf die prüfungsrelevanten Themen.

Wie wollen Sie denen helfen, die in der Zeit des Distanzunterrichts nicht mitgekommen sind und von denen kaum Rückmeldung kam? Wir sind mit dem Sozialministerium dabei, ein Programm zu entwickeln, bei dem auch Jugendhilfe und Schulsozialarbeit eine wichtige Rolle spielen. Dafür wird es auch finanzielle Unterstützung durch den Bund geben. Ich halte das für äußerst wichtig. Denn jetzt muss es darum gehen, dass gerade sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche, die zu Hause nicht die nötige Unterstützung erfahren, nach dieser Zeit des Distanzlernens nicht den Anschluss verlieren.

Die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie wichtig die Digitalisierung ist. Inwieweit hat sich die digitale Ausstattung an den Schulen in den vergangenen Monaten verbessert? Seit Beginn der Pandemie hat sich bei der Digitalisierung an unseren Schulen sehr viel getan. Mit dem Lernmanagementsystem „itslearning“ und dem Videokonferenzsystem „BigBlueButton“ haben wir nicht nur bessere Rahmenbedingungen geschaffen, sondern einen landesweiten Standard gesetzt. Es gibt heute viel mehr Möglichkeiten, interaktiven Unterricht zu gestalten als noch vor einem Jahr. Das bestätigen mir

Niemand muss Angst haben, dass im nächsten Schuljahr so getan wird, als hätte
es Corona nie
gegeben.

Noch immer steht nicht allen Schülerinnen und Schülern ein Endgerät zur Verfügung, mit dem sie dem digitalen Unterricht folgen können. Was tut das Land, um Abhilfe zu schaffen? Das Land hat mit Unterstützung des Bundes ein Programm aufgelegt, aus dem Schülerinnen und Schüler über die Schule leihweise mobile Endgeräte erhalten können, wenn sie zu Hause keinen Zugang zu einem Computer haben. Die Schulträger konnten für 11 Millionen Euro Endgeräte kaufen und sie an den Schulen verteilen. Natürlich muss sichergestellt werden, dass bedürftige Kinder gleichberechtigt am digitalen Lernen teilnehmen können. Denn eines ist doch klar: Wenn wir die Pandemie überwunden haben, wird das digitale Lernen in den Schulen wichtig bleiben und zu einem selbstverständlichen Teil des Unterrichts werden. Ich habe mich deshalb im Frühjahr 2020 an den Bundessozialminister gewandt und angeregt, dass digitale Endgeräte Teil der Unterstützung für Schülerinnen und Schüler in bedürftigen Familien werden soll. Ich freue mich sehr darüber, dass heute die Jobcenter Kindern und Jugendlichen in Familien, die auf Grundsicherung angewiesen sind, die Kosten für Tablets und Laptops erstatten.

Unterricht ist ohne qualifiziertes Personal nicht möglich. Wie viele Lehrerinnen und Lehrer muss das Land in den kommenden Jahren einstellen? In den kommenden fünf Jahren müssen wir pro Schuljahr zwischen 600 und 800 freie Stellen neu besetzen. Die Zahlen gehen aus der aktualisierten Lehrerbedarfsprognose hervor. Wir haben einen großen Bedarf an Mecklenburg-Vorpommern steht vor großen bildungspolitischen Herausforderungen. Die Landesregierung hat dabei drei Bereiche besonders im Blick. Bildungsministerin Bettina Martin spricht im klasse!-Interview über zusätzliche Förderangebote aufgrund der Einschränkungen in der Corona-Pandemie, über die Fortschritte bei der Digitalisierung an den Schulen und darüber, wie das Land ausreichend Lehrkräfte finden kann. Überall zu sehen: Die bundesweite Werbekampagne Lehrer-in-MV.de sorgt auch im Öffentlichen Nahverkehr für erhöhte Aufmerksamkeit. Im Jahr 2020 wurden 877 neue Lehrkräfte eingestellt – so viele wie noch nie. Foto: Marc Klein neuen Lehrkräften, weil viele Lehrerinnen und Lehrer altersbedingt in den wohlverdienten Ruhestand gehen. Die Herausforderungen, freie Stellen zu besetzen, sind groß, weil auch die anderen Bundesländer nach neuen Lehrkräften suchen und wir uns in einem bundesweiten Wettbewerb um die Fachkräfte befinden. Im Jahr 2020 gab es mit 877 Neueinstellungen so viele wie nie zuvor in der Geschichte des Landes. Darauf bin ich stolz. Zum Schuljahr 2021/2022 müssen wir 505 freie Stellen besetzen, damit der Unterricht an den Schulen abgesichert ist. Der Generationswechsel in den Lehrerkollegien hat also längst begonnen.

Wie kann Mecklenburg- Vorpommern im bundeweiten Wettbewerb um ausgebildete Lehrkräfte mithalten? Mit dem 200-Millionen-Schulpaket sorgen wir für Verbesserungen der Lernbedingungen der Schülerinnen und Schüler, aber wir machen auch den Lehrerberuf attraktiver. Wir haben die Anzahl der Lehrkräfte, die wir im eigenen Land ausbilden, erhöht. Im Grundschulbereich haben wir die Studienplätze im Land mehr als verdoppelt. An der Universität Greifswald gibt es einen neuen Studiengang für das Grundschullehramt. Ein weiterer wichtiger Schritt: Wir haben die Vergütung der Grundschullehrkräfte auf A13/E13 angehoben. Das verschafft uns im bundesweiten Wettbewerb um neue Fachkräfte einen Vorteil. Und: Da wir wissen, dass wir auch in den kommenden Jahren weiterhin Lehrkräfte im Seiteneinstieg zum Einsatz bringen werden, haben wir ihre Qualifizierung reformiert und streben weitere Verbesserungen an.

Sie haben mit Gewerkschaften und Verbänden den „Bildungspakt Gute Schule 2030“ geschlossen. Was genau sieht der Bildungspakt vor? Mit dem Bildungspakt setzen wir ein Signal, dass wir gemeinsam alles daransetzen, unseren Kindern auch zukünftig gute Bildung und gute Schulen zu sichern. Mit den Gewerkschaften und Verbänden gehen wir bei der Lehrkräftegewinnung neue Wege und wollen konstruktiv zusammenarbeiten. Wir haben gemeinsam schon viele Maßnahmen auf den Weg gebracht, um den Lehrerberuf und den Arbeitsplatz „Schule“ attraktiver zu machen. Diesen Weg werden wir mittel- und langfristig weitergehen. Dafür haben wir uns auf einen Verhandlungsprozess für die kommenden Monate und Jahre verständigt. Die Gespräche sollen noch vor der Sommerpause beginnen.

Frau Martin, vielen Dank für das Gespräch!