Durch die große Glasfront der Schulkantine behält Jana Schulz den Eingangsbereich im Blick. Sie beobachtet, wer kommt und eilt schnell zur Tür, um den Eltern zu öffnen. Wie jeden Dienstagmorgen kocht sie Kaffee und bereitet zusammen mit Fanny Ahrens, Sozialpädagogin an der Schule, die Tischrunde vor. Jana Schulz ist Klassenlehrerin der Förderklasse DFK1 und unterrichtet Mathematik, Deutsch und Werken. Seit 2015 leitet sie an der Schule das pädagogische Team des Familienklassenzimmers. Das nötige Fachwissen in systemischer Beratung holte sie sich zuvor bei einer Weiterbildung am Institut für Qualitätsentwicklung des Bildungsministeriums.

Einige Eltern haben heute wegen Krankheit abgesagt. Auch Sabine Schönhoff lässt sich entschuldigen. Die Sonderpädagogin der Klinikschule gehört im Team zu den externen Beratern. Bei Kindern, die neu aufgenommen werden, hospitiert sie zuvor in den Klassen. „Sie blickt noch mal aus einer anderen diagnostischen Perspektive und macht auch Kurz-Screens“, erläutert Jana Schulz.

Erfahrungsaustausch hilft Eltern und Kindern

Für den Ablauf im Familienklassenzimmer von 8.30 bis 13.00 Uhr gelten klare Strukturen. Zu Beginn bleiben die Erwachsenen beim Kaffee unter sich. Für die Eltern Zeit zum Ankommen und Austauschen. Genügend Raum für Zwiegespräche, Fragen und Feedbacks. „Einige Mütter und Väter sehen mit Erleichterung, dass sie nicht als Einzige vor Problemen stehen“, sagt Jana Schulz. Sie bittet zwei Mütter, über ihre Erfahrungen zu sprechen. Der Sohn von Fanny Thees lernt noch an der Schule und würde am liebsten wieder ins Familienklassenzimmer. „Pierre blühte richtig auf. Er sah, dass ich mir für ihn die Zeit nehme, in die Schule komme, und merkte, dass mir das was bedeutet. Das Belohnungssystem mit den Schatzkarten war ein toller Anreiz. Das Gute ist, dass die verschiedenen Ansprechpartner da sind und jemand, der hilft“, sagt Fanny Thees. Steffi Witt wollte zunächst gar nicht glauben, wie sich ihr Sohn in der Schule verhält: „Zu Hause war Dominik immer ganz ruhig. Im Familienklassenzimmer hab ich es dann selbst erlebt. Ich musste lernen, das Kind bei Wutausbrüchen zu ignorieren und bei den vereinbarten Konsequenzen nicht nachzugeben. Fernsehverbot während der Fußball-WM. Das war echt hart. Bloß nicht diskutieren. Mit den Tipps vom pädagogischen Team haben wir es geschafft.“ Für Dominik ging es um den Übergang in die 5. Klasse. Er besucht jetzt eine weiterführende Schule. Ein schöner Erfolg, auch dank des Familienklassenzimmers. In anderen Fällen gelingt es nicht so leicht, Zugang zu den Eltern zu finden. „Mitunter bedarf es vieler Gespräche bis wir in einem langen Prozess Vertrauen aufbauen und mit den Eltern gemeinsam an einem Strang ziehen. Aber nur so funktioniert es“, fügt Jana Schulz an.

Dörthe Skoworodkin-Jasmann nickt zustimmend mit dem Kopf. Wegen des komplizierten Doppelnamens dürfen alle „Frau Jasmann“ zu ihr sagen. Sie ist die Psychologin in der Runde und arbeitet in der Erziehungs- und Familienberatung beim Verbund für Soziale Projekte (VSP). „Früher sind wir mit drei Beratern in die Karsten-Sarnow-Schule gekommen. Da fehlte uns oft der Kontakt zu den Lehrern. Zeitlich war das nicht so leicht. Im Familienklassenzimmer können wir uns gleich austauschen und voneinander lernen“, sagt sie. Durch die verschiedenen Perspektiven gelinge es viel besser, sich in die Situationen der Familien hineinzuversetzen. Der Blick auf das Kind sei wesentlich differenzierter.

Um 9.30 Uhr treffen sich die Eltern auf dem Schulhof mit ihren Kindern. Nach der Pause gehen alle zusammen in den hellen Freiarbeitsraum im 1. Stock. An einer Seite befindet sich der Stuhlkreis für die großen und kleinen Teambesprechungen. Bevor die Kinder sich ihren Aufgaben widmen, berichten sie, was gut und schlecht lief in der Woche, ob sie ihre Punktzahl geschafft und welche zwei Ziele sie sich als nächstes vornehmen.

Wenn Nick zusammen mit seiner Mutter gut arbeitet, bekommt er die vierte Schatzkarte und die Belohnung.

Pius fehlen viele Punkte, weil er oft seinen Wochenzettel vergaß und ihn zum Eintragen den Lehrern nicht vorlegen konnte. Pro Stunde sind maximal sechs Punkte möglich, vorausgesetzt die Ziele A und B werden sehr gut erreicht. Bei Jana Schulz im Fach Werken schafft Pius das immer. Holzarbeiten mag er am liebsten. Für die kommende Woche ist klar: Er darf auch bei den anderen Lehrern das Heft nicht mehr vergessen. Denn nur bei voller Punktzahl gibt es die begehrte Schatzkarte. Jedes Kind hat eine kleine Holzschachtel, in der die bunten Karten gesammelt werden. Auf der Schatztruhe von Nick grinst ein selbstgemalter Pokemon. Nick weiß, wenn er heute im Familienklassenzimmer mit seiner Mama gut arbeitet, hat er die erforderlichen vier Schatzkarten zusammen und bekommt die Belohnung, die er sich so sehr wünscht. Er ist sich ganz sicher, dass das klappt, denn er will mit seinem Papa unbedingt zum Schwimmen in das Erlebnisbad HanseDom.

Konsequenzen kennen und tragen

Für Nick und Pius beginnt die erste Lernphase. Jeder darf sich an einem der großen runden Tische ausbreiten. Darauf liegen sieben Plastikchips. Die kleinen bunten Plättchen fungieren als stumme Kommunikationsmittel. Schieben die Eltern einen Chip an den Rand, soll diese Geste die Kinder an die vereinbarten Ziele erinnern. Ohne große Worte und ausufernde Diskussionen. Bleiben am Ende weniger als drei Chips übrig, folgt die Konsequenz. Welche genau, wird vorher festgelegt. Nick entscheidet sich diese Woche für Medienverbot. „Die Konsequenz gilt nur für den Tag des Familienklassenzimmers. Von ungünstigen Erziehungsmitteln wie Stubenarrest raten wir ab. Bei den Belohnungen empfehlen wir Aktivitäten, die möglichst nicht viel kosten und für die Eltern innerhalb einer Woche umsetzbar sind“, erklärt Dörthe Jasmann.

Pius und seine Oma bekommen Besuch von Klassenlehrerin Miriam Beck.

Die Psychologin setzt sich an die Seite von Pius, der gerade über Mathe brütet. Sie schaut ihm dabei gutmütig auf die Finger. So lange bis Pius‘ Oma kommt und sie die Plätze tauschen. Marianne Holtfreter springt ein, wenn ihre Tochter nicht von der Arbeit weg kann.

„Es scheitert leider oft daran, dass die berufstätigen Eltern vormittags keine Zeit haben. Manchmal können Schichten getauscht oder Arbeitszeiten verlagert werden. Viele Arbeitgeber reagieren positiv, wenn die Eltern nachfragen“, beschreibt Jana Schulz ihre Erfahrungen. „Für uns ist Voraussetzung, dass jemand aus der Familie regelmäßig teilnimmt. Das können auch die Großeltern sein. Wir hatten einmal den Fall, dass sich Mutter, Vater und der neue Lebenspartner abgewechselt haben. Wir sind da flexibel und offen“, ergänzt die Teamleiterin.

Pius‘ Klassenlehrerin schaut in der Pause vorbei. Miriam Beck erkundigt sich, wie er mit dem vorbereiteten Pensum zurecht kommt. Für Nick stellt Jana Schulz die Aufgaben zusammen. Praktischer Weise ist sie auch seine Klassenlehrerin. Kurz nach 11.00 Uhr stürmen Nick und Pius auf den Schulhof. Der gehört ihnen heute ganz allein. Die Hofpause liegt zeitlich verschoben zum normalen Schulrhythmus, um den Kindern des Familienklassenzimmers auch draußen einen eigenen Raum zu geben.

Nach einer halben Stunde Austoben und Luftschnappen beginnt die zweite Lernphase. Danach folgt eine gemeinsame Spielrunde. „Das ist immer das Beste“, findet Nick. Fanny Ahrens schlägt das Würfelspiel „Stumme Jule“ vor. Während Nick und Pius gleichzeitig versuchen, in zwei Durchgängen so schnell wie möglich alle Zahlen von 1 bis 6 zu würfeln, dürfen sie zwar Geräusche machen, aber nicht reden. Die großen gelben Radiergummi-Würfel kullern etwas schwerfällig über den Tisch. Spiele-Expertin Fanny Ahrens staunt. „Bei der Weiterbildung haben wir Erwachsenen viel länger gebraucht. Das nächste Mal nehmen wir normale Würfel“, beschließt die Sozialarbeiterin lachend.

Nick hat konzentriert gearbeitet und gut durchgehalten. Seine Mutter sieht das auch so und freut sich über die Fortschritte. Nick bekommt seine vierte Schatzkarte. Das System motiviert ihn. Bis zum nächsten Mal will er 70 Punkte schaffen, sein persönlicher Rekord liegt bei 100 Punkten.

Das gemeinsame Lernen startet und endet mit einer Auswertungsrunde.

Auch Pius erhält ein positives Feedback. Frau Jasmann lobt seine Selbstkontrolle und bemerkt, dass er sich von einer ganz neuen Seite gezeigt hat. Nach der Verabschiedung von Kindern und Eltern bleibt das pädagogische Team zur Nachbereitung im Frei­arbeitsraum und tauscht seine Beobachtungen aus – als Vorbereitung für das Familienklassenzimmer in der nächsten Woche.