Ein Medizinstudium ist überall in Deutschland heiß begehrt. Inzwischen liegt der Numerus-clausus, mit dem die Zulassung zum Studium beschränkt wird, bundesweit bei einer Note von sage und schreibe 1,0 bis 1,2. Wer den Eintritt zu diesem Studium geschafft hat und die anspruchsvolle und lange Ausbildung durchhält, dem stehen später viele Türen offen. Auch die Universitäten Greifswald und Rostock können sich über mangelnde Bewerberinnen und Bewerber nicht beklagen. Die rund 400 Studienplätze für Humanmedizin an beiden Standorten, die jährlich zur Verfügung stehen, gehören immer zu den ersten aus dem breiten Studienangebot, die vergeben sind. Aber nach erfolgreicher Ausbildung zieht es die meisten Absolventinnen und Absolventen in die Ferne – in die medizinischen Zentren, in die großen Städte. Dabei braucht Mecklenburg-Vorpommern dringend junge Landärztinnen und Landärzte. Die Lage ist ernst: In den vergangenen zehn Jahren mussten 160 Hausarztpraxen mangels Nachfolge schließen. In den kommenden fünf Jahren gehen weitere 200 Hausärzte in den Ruhestand. Die medizinische Versorgung in den ländlichen Regionen zu sichern und junge Ärztinnen und Ärzte im Land zu halten, ist die große Herausforderung.

Dringend benötigter Nachwuchs: Mecklenburg-Vorpommern lockt junge Mediziner mit einem Bonus auf‘s Land.

Um Medizinstudierende für einen späteren Einsatz auf dem Lande zu motivieren, hat die Landesregierung ein Stipendium aufgelegt, das den angehenden Ärztinnen und Ärzten die Entscheidung darüber, welche Richtung sie in diesem Beruf einmal einschlagen möchten, erleichtern soll. Besonders angesprochen sind dabei Studierende, die aus Mecklenburg-Vorpommern stammen – frei nach Goethe „Warum in die Ferne schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah!“. 300 Euro monatlich über einen Zeitraum von längstens vier Jahren und drei Monaten macht summa summarum 15.300 Euro – eine solche Unterstützung veranlasst diesen oder jenen Medicus in spe vielleicht doch darüber nachzudenken, welche Vorteile die Tätigkeit als Landarzt mit sich bringt: Die Nähe zum Patienten, die Vielfalt der Arbeit, das soziale und landschaftliche Umfeld.

Behutsames Herantasten: An der Uni Greifswald üben die künftigen Ärzte am Simulator.

16 Rostocker und 13 Greifswalder Medizin-Studierende haben dieses Angebot des Landes gern in Anspruch genommen und sich für eine Zukunft als Landärztin bzw. Landarzt in Mecklenburg-Vorpommern entschieden. Für Annemarie Weng (29) war das Stipendium das „Zünglein an der Waage“. „Ich habe früher gedacht, dass ich MV später verlasse“, wird sie in der Ostsee-Zeitung zitiert. Weng stammt aus der Nähe von Ludwigslust und studiert Medizin an der Universität Rostock. Seit der Geburt ihrer Tochter fühlt sie sich dem Land stärker verbunden. „Das Stipendium hat uns die Entscheidung erleichtert und MV zu einer echten Option gemacht“. Mit dem Stipendium hat sie sich dazu verpflichtet, nach der Facharztausbildung für mindestens fünf Jahre als Vertragsärztin in den ländlichen Regionen von Mecklenburg-Vorpommern zu arbeiten, entweder in einer Ambulanz, in einem Krankenhaus oder im öffentlichen Gesundheitswesen des Landes.

Das ist die Bedingung für ein solches Stipendium. Bis zum Jahr 2022 sind eine Million Euro dafür eingeplant. Die erste Resonanz darauf ist vielversprechend. Sollte sich der Zuspruch so fortsetzen, werde es verlängert, heißt es aus dem Gesundheitsministerium. Das Stipendium ist Teil eines Pakets, um junge Ärzte auf´s Land zu holen. Auch die Kassenärztliche Vereinigung lockt mit Ansiedlungshilfen, mit Zuschüssen für Investitionen, für Kinderbetreuung, für Assistenten.

Und die Universitäten? Was können sie tun?

Bund und Länder haben vor gut einem Jahr einen „Masterplan Medizinstudium 2020“ unterzeichnet. Er sieht Veränderungen bei der Studienstruktur und den Ausbildungsinhalten vor. Das Studium soll mehr Praxisbezug erhalten, die Arzt-Patient-Beziehung soll gestärkt und die Allgemeinmedizin ausgebaut werden. Mit Blick auf eine gute Versorgung im ländlichen Raum ist laut Masterplan auch eine so genannte Landarztquote zu ermöglichen. Vorgesehen ist, dass die Länder bis zu 10 Prozent der Medizinstudienplätze an Bewerberinnen und Bewerber vergeben, die sich verpflichten, nach ihrer Ausbildung in der Allgemeinmedizin für bis zu zehn Jahre in der hausärztlichen Versorgung in ländlichen Regionen tätig zu sein. Diese Regelung ist umstritten, aber Mecklenburg-Vorpommern gehört zu den Befürwortern dieser Landarzt-Quote.

Eine Expertengruppe befasst sich derzeit mit den 40 Einzelmaßnahmen des Masterplans zum Medizinstudium der Zukunft. Ob diese dann helfen, den dringend benötigten Nachwuchs an Landärzten tatsächlich zu bekommen, wird sich erst in den nächsten Jahren zeigen. Es soll sich in Zukunft auch grundlegend etwas ändern bei den Zugangsbedingungen für ein Medizinstudium. Das Bundesverfassungsgericht hält das Vergabeverfahren für Studienplätze in Medizin nämlich nur teilweise mit dem Grundgesetz vereinbar. In ihrer jetzigen Form verstoße die Studienplatzvergabe gegen das Grundrecht der Bewerberinnen und Bewerber auf gleiche Teilhabe am staatlichen Studienangebot, urteilten die Richter. Bis Ende 2019 müssen die Kultusminister das Numerus-Clausus-System neu aufstellen. Die Entscheidung wird sich auf alle zulassungsbeschränkten Studiengänge auswirken. Die neuen Regelungen sollen in einem Staatsvertrag ausgearbeitet werden. Es ist also einiges in Bewegung, damit diejenigen, die sich zur Medizinerin bzw. zum Mediziner berufen fühlen – egal ob für die Arbeit in der Landarztpraxis oder in der Spezialklinik – gleiche Chancen für die entsprechende Ausbildung erhalten.