Fotografieren gehört zum Handwerk in der E-Commerce-Ausbildung. Bei Gunnar Seidel (links) lernen Dominic (Mitte) und Kilian, wie die Produkte im Online-Shop am besten präsentiert werden.

Gunnar Seidel bringt neben Stativ und Kamera auch die mobile Fotobox mit in den Unterricht, sie ist eine neue Errungenschaft für die Ausbildung im E-Commerce. Die plattgelegte Zeltkonstruktion entfaltet sich auf dem Tisch im Computerraum zu einem schneeweißen Textilwürfel. Aber wo ist bei dem Teil oben und unten? Nach kurzem Verwirrspiel steht die Box. Der Bildhintergrund ließe sich farblich variieren, bleibt aber ebenfalls weiß. So kommen die Produkte besser zur Geltung, die heute abgelichtet werden sollen.

Es handelt sich um ein Paar Lautsprecher der Schule und um eine sendungsbewusste Smartwatch aus Gunnar Seidels Privatbesitz. Seit 1999 unterrichtet der studierte Wirtschaftsingenieur Informatik an der Beruflichen Schule und am Fachgymnasium. Als die Ausbildung Kauffrau/mann für E-Commerce (KEC) im Gespräch war, hat er sich sofort gemeldet und nach Weiterbildungskursen gesucht. „Ich bin technik­affin und will bei Neuem dabei sein“, erklärt er. Die Internetrecherche führte ihn in den Ferien nach Dillingen an der Donau.

Ein Prinzip, das Schule macht: Lehrer lernen von Lehrern
Dort hat ein Lehrerteam für die neue Ausbildung Unterrichtsinhalte erarbeitet und diese an andere Lehrkräfte vermittelt. „Da waren auch kompetente Gastredner, von denen wir z. B. Input über Shopsysteme bekamen“, beschreibt Gunnar Seidel den Kurs. „Vor allem haben wir aber Lernsituationen erarbeitet. Das ist das, was wir für den Unterricht brauchen. Ein einzelner Lehrer kann das nicht leisten, dafür sind Netzwerke nötig.“

In der aktuellen Lernsituation muss Dominik Christochowitz die Lautsprecher aus unterschiedlichen Perspektiven fotografieren und Kilian Heyne die Uhr. Gunnar Seidel merkt bei der Kontrolle ihrer Projektarbeiten an, dass die Bilder für die neu anzulegenden Produktkategorien Lautsprecher und Uhren noch fehlen. Die Aufgabe spiegelt das tägliche Brot für einen E-Commercler wider: Neue Waren müssen für die Präsentation im Shop möglichst schattenfrei fotografiert und sauber freigestellt werden. Natürlich gehört auch eine exakte Beschreibung dazu – auf Deutsch und Englisch. Das Schreiben liegt Kilian Heyne besonders. Schon während des Abiturs hat er sich mit Webseiten und deren Registrierung, mit der Texterarbeitung und Suchmaschinenoptimierung beschäftigt. Sein Arbeitgeber ist ein kleiner Webshop in seinem Heimatort Gademow auf der Insel Rügen. Auf dem Shop liege aber nicht mehr das Hauptaugenmerk. „Wir betreiben außerdem einige Online-Ratgeberseiten, die in kurzer Zeit richtig durchgestartet sind“, sagt er.

Für den Blockunterricht reist Kilian nach Rostock. Hier hat er sich kurzfristig eine Wohnung gesucht. Am meisten begeistert ihn an der Ausbildung, dass er in ganz unterschiedliche Themen einsteigen kann: „Ich lerne viele Dinge, die mich selbst interessieren. Dass wir hier Fotografieren üben und die Bilder nachher professionell bearbeiten, finde ich toll.“ Derweil leuchtet Dominik Christochowitz, IHK-Botschafter und Azubi bei der Rostocker Web-Agentur Lieblingsentwickler, die Lautsprecher in der Fotobox neu aus. Wieder und wieder verschiebt er die kleine Leuchte, sodass die schwarzen Schlagschatten fast unsichtbar sind. Das spart später Zeit bei der Bildbearbeitung.

Ein Arbeitskreis für viele Fragen und gemeinsame Lösungen
Gunnar Seidel hat für den Unterricht eine abgespeckte Photoshop Elements-Version erworben. Aktuelle Software mieten, geht nicht. Solche Modelle sehen die derzeitigen Rahmenbedingungen für die Finanzierung durch den Schulträger – die Hanse- und Universitätsstadt Rostock – nicht vor. Naturgemäß stehen auch die anderen Berufsschulen in MV vor diesen Problemen. Deshalb haben sie einen Arbeitskreis E-Commerce gegründet. Dort fiel zum Beispiel die Entscheidung, für die Übungs-Webshops gemeinsam das deutsche Softwarehaus JTL zu nutzen. Für Gunnar Seidel ein echter Vorteil, weil hier auch das Warenwirtschaftssystem integriert ist und die Schulen wertvollen Support be­kommen.

Gunnar Seidel
Fachlehrer an der Beruflichen Schule Wirtschaft in Rostock
Wir können nicht davon ausgehen, dass die Inhalte, die wir heute unterrichten, auch noch nächstes Jahr gelten. Da ist auch in der Ausbildung Dynamik gefordert.

Voneinander lernen ist ein großes Thema bei dem neuen Ausbildungsgang. Gunnar Seidel gibt zu, dass er immer wieder von den Azubis und ihren Betrieben dazulernt: „Das inhaltliche Spektrum ist für dieses Berufsbild sehr breit und auch sehr dynamisch.“ Gerade darum bleibt es spannend. Demnächst will er zusammen mit seinen drei KEC-Azubis im Rahmen von „Lernen am anderen Ort“ einen Ausbildungsbetrieb in Schwerin besuchen. Das ist erst beim nächsten Blockunterricht in zwei Monaten spruchreif. Bis dahin ist Bo Svensson wohl wieder gesund. Er ist Azubi bei Wikinger Möbel. Gunnar Seidel faltet die Fotobox wieder auf handliche Maße zusammen. Die Kamera deponiert er in der schuleigenen Ausleihstation, wo die Lehrer nach Bedarf Laptops oder Beamer finden. Die Uhr nimmt er mit nach Hause, die ist nämlich ein Geburtstagsgeschenk für seinen Sohn.

Claus Ruhe Madsen
Unternehmer und Gründer von Wikinger Möbel, seit Juni 2019 gewählter Oberbürgermeister der Hanse- und Universitätsstadt Rostock
Die Digitalisierung hat einen großen Stellenwert. Wir müssen die Bereitschaft und den Mut aufbringen, in ein Feld ohne große Erfahrung einzusteigen. In einer Zeit, wo alle über Fachkräftemangel reden, kann ich nicht abwarten, wie sich der Beruf entwickelt. Ein Händler befasst sich fast ausschließlich mit dem Morgen. In diese Richtung müssen wir überlegen: Was kommt auf uns zu? Wichtig ist, dass Unternehmer und Berufsschulen aufeinander zugehen. Die Betriebe müssen für die Berufsschulen Input liefern.

Lesen Sie hier die Reportage "Berufsausbildung mit App und virtuellem Klassenraum" aus dem klasse! Schulmagazin 2018/2019.